400 Jahre Steinheimer Turm

Am 11./12. September 2004 richtete der Arbeitskreis Kaufmannszug die Geburtstagsfeier für das 400-jährige Bestehen des Steinheimer Turmes aus.

400 Jahre Steinheimer Torturm, ein Teil der Seligenstädter Stadtbefestigung
von Robert Wurzel

Die Befestigungsanlage
Die Seligenstädter Stadtbefestigung bestand aus vier Stadttoren, sechs Wehrtürmen, der Stadtmauer, in die die Kaiserpfalz integriert war, zwei Stadtgräben, die in den Stadtwaag und die Mühlenlache endeten und einem Palisadenzaun. Von den Wehrtürmen (Bollwerken) sind die zwei „Pulvertürme“ am Main und der Turm in der Bahnhofstraße erhalten geblieben. Oberturm, Riegelsturm und Niederturm wurden aufgrund notwendiger Baumaßnahmen abgerissen. Im Jahre 1847 sind sie noch auf Bildern und Karten zu erkennen. Die Stadtgräben waren noch bis ins frühe 19. Jahrhundert erhalten. Die Stadtmauer ist heute nur noch in wenigen Teilen erhalten. Im Rahmen der baulichen Ausdehnung der Stadt, wurde sie nach und nach abgetragen. Peterstraße, Mauergasse und Wallstraße, die früher die Mauer begleitet hatten, wurden auch auf der Mauerseite bebaut. Nur an Stellen wo sie Gärten begrenzte, blieb sie erhalten. Folgende Teile sind noch erhalten:
- Ein kleiner Teil in der Peterstraße.
- Größere Strecken in der Mauergasse, sowohl links als auch rechts der Bahnhofstraße.
- Am Mainufer vom Wehrturm an der Stadtmühle bis zur Kaiserpfalz und von der Friedhofskapelle (Not Gottes) bis zum Wehrturm an der Friedhofsmauer.

Die Tore der Stadt
Seligenstadt lag an der Kreuzung von zwei wichtigen alten Straßen in Nord-Süd- und Ost-West-Richtung. Entsprechend den vier Himmelsrichtungen hatte es auch Stadttore, die ‚Porten’ (lat. Portae, mhd Phorten) genannt wurden. Außer dem Maintor, waren alle Stadttore mit Vorwerken, Zugbrücken, Pfortenhäusern und Türmen ausgestattet. Bis auf das Niedertor, mussten alle den Bedürfnissen des wachsenden Straßenverkehrs weichen.

Das Obertor
Aus Stadtrechnungen von 1491 geht hervor, dass es ein Obertor nebst Pfortenhaus gab. Auf das Jahr 1512 wird jedoch ein Neubau des Obertores datiert. Auf dem Merianstich ist das Dach dieses Baues zu sehen. Vor dem Tor verlief ein Palisadenzaun mit einer Zugbrücke. Vor ihm hatte der Schwedenkönig Gustav Adolf 1632, die Schlüssel der Stadt in Empfang genommen. Dies geschah an der Stelle der evangelischen Kirche. 1677 ließ die Gemeinde von einem Bildhauer aus Miltenberg, ein steinernes Crucifix am Obertor an der alten Straße nach Klein Welzheim errichten. Dieses Crucifix fand im frühen 19. Jahrhundert, in dieser Zeit wurde auch das Obertor abgerissen, seinen heutigen Standort an der Abzweigung Babenhäuserweg, Schachweg. Am Obertor wurde im 17. Jahrhundert zeitweilig auch Markt gehalten, der Marktzins wurde von der Abtei eingezogen, später gingen diese Zahlungen an die Stadt. Eine lukrative Einnahmequelle ging der Abtei somit für immer verloren. Da der Höhenunterschied zwischen den Stadtgräben und dem Main zu groß war, ließ man die Stadtgräben in großen Weihern enden. Der südliche Weiher, die so genannte Mühlenlache, lag vor dem Obertor. Der Hag lag vor der Stadtmauer zwischen dem Obertor und dem Pfarrbollwerk (Pulverturm) am Friedhof einerseits und der Mühlenlache andererseits. Noch um 1880 war ein Teil des Sees hinter der evangelischen Kirche erhalten. Die Lache erstreckte sich von den Wiesen an der Zellhäuser Straße hinweg bis in den heutigen neuen Friedhof. Wie der Name sagt, war der See ein seichtes, sumpfiges Gewässer.

Das Maintor
Der Sockel des Mainturms ist noch erhalten. Nichts ahnend geht man auf dem Weg zur Fähre an ihm vorbei. Am unteren Ende der Maingasse dient er als Fundament der Hans-Memling Schule, nur durch ein Zierprofil ist er vom restlichen Mauerwerk zu unterscheiden. Das Maintor stellte den westlichen Stadtzugang dar. Zur Römerzeit, befanden sich in diesem Bereich die Thermen des Kastells. Die Quader aus der Römerzeit wurden im Turm mit verbaut. Der Turm diente im 16. und 17. Jahrhundert als Gefängnis. Auf der Höhe des heutigen Schulhofes, wurden die Gefangenen an einem Seil tief hinunter in den Sockel gelassen. Außer diesem Zugangsloch in der Decke gab es keine weiteren Öffnungen. Zur Zeit der Hexenverfolgungen wurden die Hexen jedoch im oberen Geschoß des Turmes inhaftiert. In den Räumen über dem Torhaus, das die Maingasse überspannte, hatte die Schützenbrüderschaft ihre Vereinsstube.
Aus dem Jahre 1561: „Die Schuetzenmyster von der Stuben uff der Meinpforthen 1 Pfund Heller, unnd gehet der erst Zins an zu Weynachten des 60sten Jahrs unnd ist die bestandus Sechs Jahr lang“, so sah wohl ein Mietvertrag zu dieser Zeit aus. Die heutige Lügenbank bezieht sich auf eine Steinbank an der Mainpforte zum Main hin. 1963 wurde der Stein der alten Fischwaage, die am Turmsockel befestigt war, wegen Verkehrsbehinderung zerschlagen. Heute existiert eine Nachbildung dieses Steines an der originalen Stelle. Auf den Kupferstichen ragt der Turm, nebst Torhaus, imposant aus der mainseitigen Stadtmauer.

Das Rödertor
„Aus dem Feuer floß ich, Hieronymus Hach von Aschaffenburg goß mich. Anno Salutis 1589“, so heißt die Inschrift der Glocke, mit der der ‚Röderthurm’ im Jahre 1589 ausgestattet wurde. Die Glocke ist bis zum heutigen Tag erhalten geblieben und dient als ‚Rathausglocke’. 10 Jahre später erhielt der Turm eine zweite Gocke mit der Inschrift „ Alle Stunde thun ich euch zeigen an, doch Niemand seine Letzte wissen kann“. Die Glocke steht heute im Landschaftsmuseum Seligenstadt. Auf den Kupferstichen von Merian und Meißner wird die Stadt aus Sicht des Maines dargestellt, das Rödertor ist mit Giebelausrichtung zum Straßenverlauf und dem Glockentürmchen zu sehen. Im Jahre 1656 wird Sebastian Hell, ein Schneider aus Luxemburg, neuer Thürmer. Ein Jahr später wird er als Bürger der Stadt anerkannt und 1660 wird er zum Nachtwächter der Stadt ernannt. Der Thürmer hatte für das ‚bürgerliche Geläut’ zu sorgen, das neben dem Verkünden der Torschließung auch der Zeitansage diente. Der Röderturm stellte den östlichen Stadteingang dar. Durch die Rödergasse, heutige Frankfurter Straße, gelangte man Richtung Rödermark. Die heutigen Gebietsgemeinden Rodgau, Rödermark, mit ihren Orten wie Oberroden, Niederroden, weisen noch auf die gerodete Gemarkung hin. An der ersten Weggabelung in Richtung Froschhausen, bzw. Rödermark, entstand 1678 die erste Wendelinus-Kapelle, die dem heutigen Kapellenplatz den Namen gab. 1818 wurde das Tor abgerissen, die Durchfahrt war für den Handelsverkehr zu eng geworden. Das ‚bürgerliche Geläut’, wurde bis zur Fertigstellung des heutigen Rathauses, in ‚Lohnarbeit’ durch den kirchlichen Glöckner Rausch verrichtet. Anstelle des Turmes entstand ein zierliches Wachhaus, und ein schweres eisernes Gitter diente fortan als Stadttor.

Das Niedertor
In der ersten Erwähnung im Jahre 1324 wird das Niedertor auch Krotzenburger Tor genannt. Das Niedertor ist nicht zu verwechseln mit dem Niederturm, der in der Wallstraße stand. Die heutige Steinheimerstraße zwischen Tor und Gerbergasse hieß zu dieser Zeit Niedertorgasse. Im Jahre 1603 begann der Bau des heutigen Turmes an der Niederpforte. Das Fundament des Turmes wurde aus ‚wehrtechnischen’ Gründen so angelegt, dass die Durchfahrt des Turmes die Achse der Niedergasse brach. So war kein durchgehender Blick (Schuss, Ritt) durch das Tor zur Niedertorgasse möglich. Der Turm gründete auf ‚Eichenrosten’, da er von einem Feuchtgebiet umgeben war. Der ‚neue Turm’ wurde im Jahr 1604 vollendet. Auch auf der nördlichen Stadtseite endeten die Stadtgräben in einem Weiher, dem so genannten ‚Stadtwag’, der Bestandteil der Wehranlage war. Ihn überspannte eine Brücke bis zum ’Vortor’. Vor dem Vortor war der Stadtzugang zusätzlich durch eine Zugbrücke gesichert. Am ‚Vortor’ schloss sich der Palisadenzaun an, der rund um die Stadt als äußerer ‚Wehrgürtel’ diente.

Der Steinheimer Torturm
Aus dem Niedertor wurde im Laufe der Zeit durch den Sprachgebrauch, bedingt wohl durch das nächste Oberamt in Steinheim, der Steinheimertorturm. Alfred Heuchel schreibt in seiner Dissertation zum Thema ‚Städtischer Wehrbau in Süddeutschland’ von 1940: „Ein viergeschossiger Turm auf rechteckigem Grundriss, die jetzige Bedachung aus dem 18. Jahrhundert. 1603/04 an der Nordseite der mittelalterlichen Wehranlage durch Cyriakus Haumüller, Hofmaurer zu Aschaffenburg, errichtet. Grundfläche 8x10m , Höhe bis zum Hauptgesims 18m, Mauerstärke im Erdgeschoß 1,80m, in den oberen Geschossen leicht abnehmend. Des moorigen Baugrundes wegen ist der Turm auf einen eichenen Pfahlrost gestellt. Baumaterial Miltenberger Sandstein, in den verputzten Feldern als Bruchstein, an den Ecken, Leibungen, Gesimsen und Maßwerkbrüstungen als Haustein verwendet. Die Toröffnung im gedrückten Halbkreisbogen geschlossen. In der Durchfahrt ursprünglich zweijochiges Kreuzgewölbe durch breiten Gurtbogen geteilt, in den Scheiteln Gießlöcher. Originalgewölbe wegen Baufälligkeit entfernt. Die einzelnen Geschosse, die auf Stadt- und Feldseite je zwei symmetrisch angeordnete hochrechteckige Fensteröffnungen mit gekehlten Gewänden haben, durch ebensolche Zwischengesimse getrennt. Über dem dritten Obergeschoß Karniesgesims mit enggereihten kleinen Konsolen. Darüber allseitig Maßwerkbrüstungen mit Fischblasenmotiv, durch senkrechte Pfosten, die Fratzen oder Blenden tragen, in vier bzw. sechs Felder geteilt, eine Vermengung von gotischen und Renaissancemotiven, wie sie häufig an Bauten dieser Zeit in Würzburg und Nürnberg angetroffen wird. Wie aus der Stadtansicht von Merian ersichtlich und den Archivalien entnehmbar, war der Turm hinter dieser Brüstung eingezogen, so dass eine Galerie mit offenem Laufgang entstand. Das folgende Geschoß bedeckte eine welsche Haube, auf der noch eine achtseitige Wächterstube mit gleicher Bedachung und Laterne saß. Auf der Ostseite des Turmes ein 3/6 Treppentürmchen mit Wendel, der bis in das dritte Obergeschoß führt. Auf der Feldseite zu beiden Seiten der Toröffnung Klauensteine erhalten, die zur Führung eines Fallgatters dienten. Gehört auch der Turmbau zu den stattlichsten seiner Art im Maingebiet, so ist die frühere Vermutung, dass er ein Werk J. Ridingers, des Erbauers des Aschaffenburger Schlosses sei, weder archivalisch belegbar noch stilistisch haltbar. Der Meister war wohl ein tüchtiger Steinmetz, handwerklich geschult, jedoch ohne das Können eines Architekten vom Formate Ridingers.“


Die Cronik des Turms
1602
Zwischen November 1602 und Frühjahr 1603 musste das alte, baufällig gewordene Niedertor abgerissen werden. Aus dem Rechnungsbuch der Stadt geht folgendes hervor: „It. Phillipp Boppen unnd seinem Sohn wie auch Hans Draißern den Meurern deren jeder 2 Tag am alten Turn abgebrochen Tags geben 7μ thut 1fl 15 μ „Das alte Niedertor wurde also innerhalb von zwei Tagen, von 3 Leuten abgerissen. Allzu massiv war es wohl nicht gewesen.

Zu den Zahlungsmitteln
Die Handwerkerrechnungen in den Protokollen, weisen unterschiedliche Währungseinheiten aus. So wird z.B. von: Ort, Gulden, Albus, Pfund, Kreuzer, Patzen und Pfennigen gesprochen. Die Rechnungsbeträge scheinen immer in den Einheiten: Gulden Albus Pfennige gelistet zu sein. Für den Gulden steht das Kürzel „fl“. Es bezieht sich auf eine Ableitung aus dem „Florin“, „Fiorino“, der sich im 14. Jahrhundert im europäischen Raum verbreitet hat. Die zweite Einheit mit dem Kürzel „μ“, steht für den Albus. Das Kürzel ähnelt stark der Schreibweise für Pfund und ist deshalb in den Drucken mit diesem Zeichen dargestellt. Die dritte Einheit ist der Pfennig, der sich im ganzen europäischen Raum verbreitet hatte. Seine Wertigkeit war in den verschiedenen Regierungsbezirken unterschiedlich. Für die Rechnungen aus den Jahren 1603/1604 kann man folgende Wertigkeit annehmen:
1 Ort = ¼ Gulden
1 Gulden = 27 Albus
1 Albus = 8 Pfennig

1603
Im Jahre 1601 ließ sich der neue Kurfürst Johann Adam von Bicken in Seligenstadt huldigen. Die Stadt verehrte ihm ein Faß Wein von 3 Ohm 10 ½ Viertel (ca. 450 Liter). Ist ihm bei der Durchfahrt vom Niedertor, der schlechte Zustand aufgefallen? Zwei Jahre später begann manjedenfalls mit dem Bau des ‚Thurmes an der Niederpforte’. Die Maurerarbeiten wurden von Cyriakus Hauenmüller ausgeführt, die Steinhauerarbeiten wurden von Hans Mauerer besorgt und die Zimmermannsarbeiten vom Zimmermeister Phillippsen verrichtet. Die Dachdeckerarbeiten übernahm Thomas Weller. Alle vier Handwerker waren aus Aschaffenburg. Der Maler Hans Berger aus Seligenstadt, zeichnete wohl den Entwurf des Turmmännchens. Es wurde aus einem angekauften alten kupfernen Kessel von einem Frankfurter Kupferschmied gefertigt. Am Turm arbeiteten ferner der Schreinermeister Alexander, der Glaser Konrad Fecher und der Zimmermann Peter Hoffmann, die Schlosser Hans Spengler und der Meister Simon aus Seligenstadt mit.

Ratsprotokoll 1603
In einem Ratsprotokoll aus dem Jahre 1603 wurde die Vergabe der wichtigsten Gewerke zum Bau des Turmes festgehalten. „Zu mercken Dat. uff. Invent. S. Crucis. M. Philippen dem Werkmeister zw Aschaffenburg. Der Nitre Turn was es inwendig in den Vier Stockwerker von Mauerlatt Gebelckh, Schiedtwenden unnd Stiegen vonnöten. Item und oben auff uff den Gang das Tagwerckh von 3 Stockwerken mit unterschiedlichen Gewölbten absetzen, nach Anzeig deß gemachten Abrißeß. Item unnd sooft vonnöten sein wirdt ein Eichen holzen Zargen in das Mauerwerckh einzulegen daran das Mauerwerckh einzulegen daran das Mauerwerckh mit eisen Clammern gefasst und befestigt werde, Unndt in summa alles uff das vleißigst unnd getreulichst zu versehen unnd uffzustechen. Verdingt alles uff seine Kosten davon geben Einhundert unndt Vierzig Gulden an Gelt u. 6 mlt Kornn. Unndt wan das Zimmerwerckh obwendig des Gangs unndt das Tachwerckh uffgeschlagen wirdt, soll man sein Philippen des Zimmermanns Gesinde den Taglohn aber Ime M. keine sonderliche Belonung außerhalb des Einbußweins gebenn. Und sein die Thor. Item und der Röhst. So im Grund vonnöten sei mögt nit in dis Gedingtes gehorig unnd hat man deshalb besonders Gedingtes zu treffen. Eodem mit Ciriax Haumüller, Hoffmeurern zw Aschaffenburg, Des Mauerwerckhs an Niter Turn unnd Ufführung desselben verhandlet. Das Fundament so tieff es vonnöten zu sichern unnd in gepürender Dickung bis ans Licht herauszufürn. Am Licht von der Erden uff Siebenzig Schuh hoch uffzufürn. Zwischen den Thoren ein Creuzgewölb darin zwei Runter Löcher von gehaunen Steinen versetzt. Die Mauer im Untern Stockwerckh 6 Schuh dickh. Die ander Stockwerckh alweg ettwas einghalten werden, wie es die Noturfft erfordern wirdt. Dergestalt, dass die Türn und Mauern in beständiger Sterckh unndt Dickung pleibe. Alles gehauen Steinwerckh am Bogen, Simbsen, Fenstern. Item obenauff die Stückh zum Gang uffsetzen. Die Platten uff dem Gang zu legen. Item unnd das holzen Stockwerckh mit einem steinen first zu unterfangen. Dabei allein der Steinmez da an Fugen oder anderen, dem gehauenen Steinwerckh etwas mangeln oder fehlen sollte, dasselb zurecht pringen soll. Der unterschiedlichen Höhe an den Stockwerckhen hat man sich sonderbar zu vergleichen. Unnd durchaus in solchem Werckh möglichen sorgfältigen Vleis fürwenden. Das si Maurer und Steinmetzen einander nit hintern. Unnd das schleunig alles von statt gehe unnd recht versehen werde. Zur solchen Arbeit soll man Ime Maurer die Materialien als da sein Kalckh, Sannt, Waßer, bei der Hand und Arbeit geschafft unnd notwendigen hantreich bestellt werden. Allein Er den Mörtel machen lassen soll. Item unnd soll man das Fundament graben lassen. Darum soll man geben 325 fl. An gellt. Item fünff Malter Kornn“. Das ‚Geschäftsjahr’ der Stadt endete damals jeweils im November am Martinstag. Wie aus dem Rechnungsbuch der Stadt aus dem Geschäftsjahr 1602/1603 zu ersehen ist, war der ‚Rohbau’ des Turmes bereits 1603 abgeschlossen. Der letzte Rechnungsbetrag im Geschäftsjahr 1603 ging an den Dachdecker Thoma für den Schiefer zur Dacheindeckung. Unter Berücksichtigung der damaligen Möglichkeiten, war die Fertigstellung des Rohbaues innerhalb eines Jahres, eine beachtliche Leistung.

Aus dem Rechnungsbuch
„d. Baw. u. Renthmeister der Stadt Seligenstadt Martini 1602 – Mart. 1603 Außgeb Gellts was diesen Sommer zu Erbauung des Neuen Thürnns unndt Niderport angewandt. Item Meister Hans Meurern dem Steinmezen von Aschaffenburg von allem groben Steinwerckh zu den vier Eckenn: Bögen: Fensternn Thüren unnd was sonsten von gehauenen Steinwerckh zum gannzenn Türnn der Nider Pforten gehorig und vonnöten gewesen. Uff seinen Cösten zustellen und bei die Hand zu verschaffen , zu hauen, uffzusetzen unnd durchauß zu verferttigen vermög Gedings Zettuls gebenn (nach 4 fl. Für Ein Thür und Wapenn, die er noch zu nachmachen schuldig gewesen. thut 621 fl ….. Item für 10 Taffelnn Bley für den Laydecker zum Tachwerckh uff dem Thurn in der Meß außgebenn, so gewogen 16 ½ Centner der Centner pro 5 fl 3 ort thut 94 fl 23μ 5 &

1659
Im Jahre 1659 wurden die ersten größeren Schäden am Turm vermerkt. Am 22. September 1659 beauftragte die Stadt den Dachdecker Georg Ottenbauer aus Peußisch-Holland die Reparatur des Turmdaches vorzunehmen. Die bis dahin freie Balustrade wurde dabei überdeckt. Da die Arbeit nicht ganz ungefährlich war, wurde der Meister entsprechend gut bezahlt: 80 Gulden, einen Malter Korn, ein halbes Ohm Wein und zwei Ohm Bier waren seine stattliche Entlohnung. Das Frankfurter Ohm entsprach etwa 143 Litern. Des Weiteren erhielt er für die Geste, ein paar neue Strümpfe und Schuhe auf dem ‚Thurmknopf’ anzuziehen, einen Dukaten.

1692

In diesem Jahr wurde das Pfortenhaus, auf der Seite des Turmeinganges, direkt an die Stadtmauer gebaut. Die Zimmerarbeiten verrichte Georg Rausch aus Steinheim, die Maurerarbeiten wurden von Johann Weisenbach versehen. Beide erhielten jeweils 21 fl (Gulden). 3 fl und 17 Pf. wurden als Trinkgelder beim Aufschlagen ausgegeben, Backsteine, Ziegel und Kalk kosteten 35 fl, das Holz stellte die Stadt. Im Jahre 1827 wurde auf der Bleiche eine Halle zum Flachsbrechen gebaut. Als Wohnhaus für den Bleichwärter wurde das ehemalige Pfortenhaus vom Steinheimerturm auf die Bleiche versetzt (Parkanlage hinter der heutigen St. Marien Kirche).

1755

Im Jahre 1754 zeigten sich Risse im Mauerwerk. Der Erzbischof von Mainz kam persönlich um den Turm zu besichtigen. Er setzte eine Kommission ein, die über die Instandsetzung, bzw. den Abriss des Turmes entscheiden sollte. Die Schäden in den Stockwerken, an dem Dach, in den Fenstern und Torbögen waren sehr hoch. Nach der Rücksprache mit den Bauhandwerkern aus Aschaffenburg und Seligenstadt, entschied man sich für die Instandsetzung 1754/1755. Auch bei dieser Renovierung wurde der Brauch des Schuh- und Strümpfe-Wechselns durch den Dachdecker, nach Abschluss der Arbeiten vollzogen.

1771
Keine zwanzig Jahre waren vergangen, nachdem Dach und Turmmännchen durch den Übermut französischer Soldaten so in Mitleidenschaft gezogen waren, dass eine erneute Renovierung notwendig wurde. Im Mauerwerk hatten sich wieder Risse gebildet und das Turmmännchen war durchlöchert von Flintenkugeln. Die Urkunde aus dem linken Bein des kupfernen Gesellen, wurde erneuert und samt Bleihülse wieder eingesetzt.

1818

Erstmals wird ein Gefängnis im Steinheimer Turm eingerichtet.

1830

Die Überbrückungen der Stadtgräben am Turm werden verbreitert und mit Brüstungsmauern versehen.

1853
Im Jahre 1853 ging es der Stadt Seligenstadt schlecht. Zu Zeiten der beginnenden Industrialisierung war sie eine handwerklich-bäuerliche Siedlung geblieben. Es fehlte an Geld für den Wiederaufbau der abgetragenen Westtürme an der Basilika. Man plante also den Steinheimerturm abzutragen und die Steine für die Basilika zu verwenden. Gott sei Dank sah man von diesem Vorhaben ab. Die Gründe dafür sind unbekannt.

1910

Bedenkliche Risse hatten sich im Torgewölbe gebildet. Die Anwohner fühlten sich durch den maroden Turm bedroht und verfassten ein Schreiben an die Großherzogliche Bürgermeisterei: „…sofort verlassen wir unsere Wohnungen, wenn nicht in den allernächsten Tagen seitens der Gemeinde Schritte zur Abhilfe getan werden. Wir machen die Gemeinde für jeglichen uns entstehenden Schaden verantwortlich. Versetzen Sie sich selbst in unsere gefahrvolle Lage, dann werden Sie keinen Augenblick zögern, einem größeren Unglück die Spitze abzubrechen.“ Im Jahre 1911 kam es dann zu dem Beschluss den Turm abzureißen. Er hätte für die Stadt keine Bedeutung mehr und wäre ein Hindernis für den Straßenverkehr. Ein bereites 1902 erlassenes Gesetz zum Denkmalschutz konnte dies jedoch verhindern. Im März 1914 stürzte das Gewölbe dann tatsächlich ein. Aus einem Ratsprotokoll geht hervor, dass ein weiterer Beschwerdebrief, nach dem Einstürzen des Gewölbes an die Stadt ging. Das Gewölbe war in der Nacht vom 9. auf den 10. März eingestützt. Gott sei Dank wurde Niemand verletzt. Die Darstellung in der Presse lesen Sie bitte im originalen Artikel von 1914.



1914
Der maßgebliche Teil der Stadtväter war inzwischen, nach einem Beschluss des Landtages, die Erhaltung des Turmes zu bezuschussen, vom kunsthistorischen Wert des Turmes überzeugt. Am 1. August konnte, unter Bürgermeister Singer, mit der Renovierung des Turmes begonnen werden. Der Landtag hatte einen Staatszuschuss von 10000 Mark bewilligt. Leider brach zu diesem Zeitpunkt der erste Weltkrieg aus. Die Unterfangung und Sicherung der Fundamente konnte für einen Betrag von ca. 7000 Mark ausgeführt werden, wobei 5000 Mark des Staatszuschusses verwendet wurden. Die weiteren Arbeiten kamen infolge des Kriegsausbruches, aus Mangel an Baumaterial und Arbeitskräften nicht zur Ausführung. Die Renovierung ruhte daraufhin für die nächsten 10 Jahre. Seligenstädter Anzeiger

1925
Nach Ende des ersten Weltkrieges kam das deutsche Wirtschaftsleben zum Erliegen. Es setzte eine derartig hohe Teuerung (Inflation) ein, dass im Herbst 1923 eine Billion Papiermark den Wert von einer Goldmark hatten. Vier Pfund Brot kosteten zu dieser Zeit beispielsweise 600 Milliarden Mark, eine Schachtel Streichhölzer 20 Milliarden Mark. Unter solchen Verhältnissen war es der Stadt zunächst nicht möglich die Bauarbeiten fortzusetzen. Nach der Währungsreform wurden die notwendigen Baukosten auf 32230 Mark geschätzt. Auf Bitten der Stadtverordneten und des Landtagsabgeordneten Johann Philipp Hoffmann, sagte die hessische Regierung zu, die Hälfte der Baukosten durch das Land zu tragen. Die zweite Hälfte wurde als zinsloses Darlehen gewährt, das in sechs Jahresraten zurückzuzahlen war. So konnte am 6. Juli 1925 die angefangene Renovierung fortgesetzt werden. Der Leiter der Bauarbeiten war Regierungsbaurat Hermann Heyer aus Offenbach, die örtliche Bauaufsicht führte der Oberbauinspektor Valentin Sommerkorn aus Seligenstadt.


Im wesentlichen wurden folgende Arbeiten ausgeführt:
 Einrüsten des ganzen Turmes
 Erneuern der gesenkten Mauerteile
 Auswechseln der gebrochenen Werksteine
 Einbauen von Massivdecken anstelle der zum größten Teil verfaulten Holzbalkendecken.
 Verankern der Außenwände auf jeder Deckenhöhe
 Auswechseln von stark beschädigten Dachhölzern
 Neuschiefern der Dachflächen
 Anbringung von Innen- und Außenputz
 Einfügen von fehlenden Fenstern


Die folgenden Handwerker waren damals an der Renovierung beteiligt:
 Maurer: Martin Sprey, Seligenstadt; J.Brauneis, Krotzenburg
 Zimmerleute: Michael Sprey, Johannes Süßmann
 Dachdecker: Rudolf Nessel
 Spengler: Rudolf Zöller
 Steinhauer: Rudolf Hüttich, Miltenberg
 Schlosser: Josef Alois Ruppel, Jakob Giel, Peter Josef Sprey, Heinrich Weiß
Die Arbeiten am Turm von 1925 kann man zurecht als die ‚große Renovierung’ bezeichnen, da er fast vollständig erneuert wurde.

1940 – 1945
In den letzten Kriegsjahren wurden zur Zwangsarbeit eingeteilte italienische Kriegsgefangene im Turm einquartiert. Zu dieser Zeit war auch das Stadtarchiv im Turm untergebracht. Der Volksmund erzählt, dass so manches Dokument wohl zweckentfremdet auf dem ‚stillen Örtchen’ benutzt wurde. Mit dem Einmarsch der Amerikaner in Seligenstadt, kam es auch zu manchem Missgeschick. Nach dem ein Panzer bereits eine Hausfassade im oberen Teil der Steinheimerstraße ruiniert hatte, fuhr er genauso unachtsam durch den Steinheimer Turm. Er verkeilte sich dabei so sehr in der Tordurchfahrt, dass eine Kette riss. Er konnte erst Tage später geborgen werden.

Nach 1945
Nach dem Ende des zweiten Weltkrieges wurde der Turm über Jahrzehnte als Wohnraum für Seligenstädter Familien genutzt. Über drei Stockwerke waren die Wohnungen verteilt. Die Toiletten befanden sich allerdings außerhalb. Hier bringt man Familiennamen wie Walter, Becker, Berger, Scheid, Hesse oder Kostur mit dem Turm in Verbindung. Die Peije (Josef Becker), ein Seligenstädter Original mit recht eigenwilligen Charakterzügen, bediente sich wohl des Dachgebälkes, um seine Wohnung zu heizen. In einem Ofen, dessen Kaminrohr einfach durch ein Fenster ins Freie gelegt wurde, verheizte er ganz langsam den Dachstuhl. Eine Zeitzeugin dazu: „Ich wunderte mich über die Holzstücke im Ofen, die so groß waren, dass die Ofentür offen bleiben musste.“

1967
Das Turmmännchen war inzwischen wieder so marode, dass eine Grundrestaurierung notwendig war. Der Schlosser Ruppel, inzwischen schon ein guter Bekannter von Hans Jörg (Name des Turmmännchens im Volksmund) übernahm selbstverständlich diese Aufgabe.

1971

Ferdinand Schreiner, damals Stadtverordneter und eine Persönlichkeit, die sich um die Belange der Stadt und der Vereine verdient gemacht hat, initiierte 1971 die Ausstattung des Turms mit neuen Fenstern.
Aus einem Artikel des Heimatblattes vom 20.4.1971:
„…Der Steinheimer Torturm, eines von vielen berühmten Wahrzeichen der Einhardstadt, hat entweder schon komplette neue Fenster erhalten oder sind zumindest die Fensterfassungen bereits vorhanden Bürgermeister Fritz Bruder, in seiner Pressekonferenz von uns auf diese Sache angesprochen, sagte, die Stadt habe umgehend veranlasst, dass der Hinweis von Herrn Schreiner verwirklicht werde. Ferdinand Schreiner und, später bei seiner Stellungnahme, auch Stadtrat Willi Brehm waren sich einig, den, weil zerborsten, fensterlosen Steinheimer Torturm nicht länger so zu belassen. Ob er eines Tages allerdings bewohnt sein wird, konnte bis jetzt nicht geklärt werden.“ Kurze Zeit später fand der erste Verein seine Bleibe im Turm. Die Seligenstädter Funkamateure sowie das Kunstforum haben bis heute ihre Vereinsräume im Turm.

1972

Nach einem Sturm war die Fahne des Turmmännchens spurlos verschwunden. Hierzu schrieb es später selbst im Heimatblatt: „..Nein meine Lieben, böse kann man da gar nicht mehr werden – nur maßlos enttäuscht über den Geist unserer Zeit. Bestimmt hat es schon ärmere Zeiten gegeben als heute, wo also mein Kleid und die Fahne im Materialwert noch weit höher im Kurse stand. Aber niemandem wäre es eingefallen, mich deswegen zu berauben. Der Sinn für Recht und Unrecht, für Diebstahl oder Hehlerei hat doch im Laufe der letzten Jahre eine bedeutende Wandlung hinter sich gebracht. Mehr oder weniger scheinen das alles so genannte ‚Kavaliersdelikte’ zu sein.“ Zwei Jahre sollte das Männlein noch warten müssen ehe es seine Verjüngungskur in der Werkstatt seines ‚Leibarztes’ Martin Ruppel antreten konnte. Gesprochen von Rudolf Nessel am 28.11.1925

1974
Im Jahre 1974 wurde die letzte größere Renovierung von Mauerwerk, Dacheindeckung, Fassade, Turmmännchen vorgenommen. Im Seligenstädter Heimatblatt las man dazu folgenden Artikel: „Ein alter Turm im neuen Gewand"
Seit einigen Tagen strahlt er im neuen Glanz und aus den Worten des Turmmännchens, die jede Woche auf Seite 3 dieser Zeitung zu lesen sind, klingt optimistische Weltbetrachtung. Kein Wunder, denn bei der Renovierung des Steinheimer Torturms – und von ihr ist hier die Rede – fiel auch gleich ein neuer Anzug und, was noch wichtiger ist, auch eine neue Fahne für das Turmmännchen ab. Mann weiß noch nicht, ob mit 250.000 Mark auszukommen ist, die sich die Stadt Seligenstadt die Renovierung eines bekannten Wahrzeichens will kosten lassen. Verpflichtung der Stadtväter, aus dem Erkennen heraus übernommen, dass die Pflege der Tradition – und dazu gehört vor allem das Bewahren der historischen Bauten – gerade in einer Stadt wie Seligenstadt ein unbedingtes Muß ist. Man hat hier, so ist den Chroniken zu entnehmen, erst im 18. Jahrhundert erkannt, wie wertvoll das Überkommene für die Nachwelt ist. Der Steinheimer Torturm wird auch heute nicht aus dem Leben der Seligenstädter wegzudenken sein. Bringt ihn doch das Turmmännchen regelmäßig in Erinnerung, wenn es in seiner Rubrik im „Blättche“ so manches zu erzählen weiß, was man so sieht und hört im Städtchen. Daß da für einige wenig Schmeichelhaftes darunter ist, gibt dem Ganzen seine richtige Würze. Umso bedauerlicher ist, daß man dem trefflichen Beobachter des Geschehens im Städtchen jüngst seine Fahne klaute, nachdem sie der Wind auf die Steinheimer Straße geweht hatte. Indes: Im neuen Gewand wohlversehen mit einer in Bein eingelöteten Urkunde und im vollen Schmuck seiner neuen Fahne präsentiert sich das Turmmännchen nun wieder auf der Spitze seines Wohnsitzes, der in schmucken neuen Farben den Betrachter entzückt. Symbol dafür, daß – wer es ernst meint mit der Bewahrung des Erhaltenswerten – dafür Opfer in Kauf nehmen muß.“ Neben den Fassaden- und Dacharbeiten wurde der Steinheimerturm mit einer Blitzschutzanlage versehen, es wurden durch eine spezialisierte Frankfurter Firma verdeckte Stahlbetonanker zur Sicherung und Stabilisierung des Turms eingebaut, und die Risse wurden mit Beton ausgepresst.



2004
Der Steinheimer Turm ist nun in seinem 400. Jubiläumsjahr. Die letzten 30 Jahre sind in keiner Hinsicht spurlos an ihm vorüber gegangen. Die Fenster sind wieder undicht, ein neuer Anstrich wäre fällig und ein Dachdecker würde sich bestimmt auch wieder über ein paar neue Schuhe freuen.

2015
Der Turm wird nun endlich renoviert, nach dem wieder einige Jahre ins Land gingen. In der Geschichte wiederholt sich eben alles immer wieder. Das Turmmännchen wird sich freuen und ebenso der Dachdecker über die neuen Schuhe.



Quellen:
Franz Hell; Ortschronik für die Stadt Seligenstadt, Band 1 1880
Dr, Josef Schopp, Die Seligenstädter Stadtbefestigung, 1982
Alfred Heuchler; Städtischer Wehrbau in Süddeutschland’ Dissertation von 1940
Stadtarchiv Seligenstadt
Artikel aus dem „Seligenstädter Heimatblatt“ und dem „Seligenstädter Anzeiger“
Seligenstädter Bürger

Bilder werden geladen ...
Bilder werden geladen ...
print