In Eisenbach zu Gast bei Freunden - Erinnerungen an unbeschwerte Tage

Fast zwei Jahre ist es her, als sich der Kaufmannszug von Augsburg aus auf den beschwerlichen Weg nach Seligenstadt gemacht hat. Über 300 Akteure, 50 Supporter rund um Transport, Auf- und Abbau sowie Verpflegung, fast 20 Fuhrwerke und ĂŒber 40 Pferde. Eine Gemeinschaft, die seines gleichen sucht. Jeder kannte seine Aufgaben, jeder hat mit angepackt wo immer nötig und am Ende eines jeden Tages hat man gemeinsam gefeiert und die Erlebnisse des Tages in geselliger Fröhlichkeit am Lagerfeuer geteilt.

Entschleunigt und mit einem klaren Ziel vor Augen, haben wir uns dem Alltagstrott und vielen Bequemlichkeiten der modernen Zivilisation entzogen. FĂŒr mich persönlich ein wohltuende Erfahrung; einmal den Arbeitsalltag, den ganzen Stress, die vollen ZĂŒge und die Hektik sowie LautstĂ€rke der Mainmetropole hinter sich zu lassen; fast wie Urlaub auf einer Insel der GlĂŒckseligkeit. An diese unbeschwerte Zeit denke ich gerade in der aktuellen Phase der Pandemie hĂ€ufig und sehr gerne zurĂŒck.

RĂŒckblickend hatten wir richtig GlĂŒck, dass der Kaufmannszug stattfinden konnte. Schon ein Jahr spĂ€ter musste der Zunft- und Handwerkermarkt wegen Corona abgesagt werden. Auch dieses Jahr wird das kulturelle und gesellschaftliche Leben weiter auf Sparflamme köcheln. Keine Feste, keine Konzerte, nur virtuelle Treffen. Wir alle sehnen uns wieder nach ein bisschen NormalitĂ€t. Vielleicht ist es genau diese Sehnsucht, die uns in Erinnerungen schwelgen und darauf hoffen lĂ€sst, diese Erfahrungen nochmals machen zu dĂŒrfen.

Erst vor kurzem habe ich an unsere Ankunft in Eisenbach, unserer letzten Station vor Seligenstadt, denken mĂŒssen oder besser gesagt dĂŒrfen. Im Pilgerspfad haben wir kurz Rast gemacht und uns „aufgerödelt“ 
 die Gewandung gerichtet, am Wegesrand gepflĂŒckte Blumen ans Revers gesteckt, die eigenen Haare und Schweife der Pferde geflochten, Fuhrwerke rausgeputzt und die Garde mit Fahnenschwenker und Trommler nach vorne geschickt.

Am Rainchestalgraben wurden wir von den berittenen FanfarenblĂ€sern und der historischen BĂŒrgergarde in Empfang genommen und durch die Straßen der Stadt mit großem Getöse geleitet. Eine riesige Begeisterung und Herzlichkeit der Eisenbacher schwappte uns entgegen. Ein wenig irritiert nahm ich zuerst zahlreiche „Seligenstadt Helau“ Rufe wahr. Sie vermischten jedoch schnell mit den Jubel-Schreien, die dann auch die Überhand behielten. Von Haus zu Haus gespannte Girlanden und Fahnen an jeder Ecke bildeten einen standesgemĂ€ĂŸ bunten Rahmen.

Die Straßen, Fenster und Hofeinfahrten gesĂ€umt mit begeisterten Menschen, die schon sehnsĂŒchtig die Ankunft des Kaufmannszug erwartenden. Und zwischendrin viele bekannte Gesichter. Freunde, Bekannte und Familienmitglieder, die uns die letzten beiden Wochen aus der Ferne beobachtet und in Gedanken begleitet haben. Alle sind sie uns entgegengereist, um uns schon am Vorabend der Ankunft in unserer Heimatstadt in den Arm zu nehmen.

Vom BĂŒrgermeister der Stadt und der noch amtierenden Mirabellenkönigin sowie weiteren Gemeindevertretern wurden wir herzlichst begrĂŒĂŸt und auf eine ausgelassene Feier eingestimmt. Bevor wir jedoch die Festlichkeiten genießen konnten, wurden wie jeden Tag zuerst die Pferde ausgespannt und auf der eigens dafĂŒr errichteten Koppel versorgt. Kurz darauf versammelten wir uns alle auf dem von der Freiwilligen Feuerwehr phantastisch hergerichteten Festplatz.

Vor der BĂŒhne waren die SitzbĂ€nke aufgereiht, drum herum gab es mehr als ein Dutzend StĂ€nde mit herrlichen Köstlichkeiten und sogar eine Bar, an der man Cocktails bekam; vielleicht nicht ganz in die Zeit des Kaufmannszuges passend, aber Ă€ußerst wohlschmeckend. Dennoch rann den meisten Kehlen kĂŒhles Bier hinunter. Eigens mitgebrachte kleine Löffel, die vielleicht einen halben Liter oder auch mehr fassten, wurden gefĂŒhlt und mit einem Zug geleert.

Die GlĂ€ser erhoben und von zĂŒnftiger Musik der ‘8 Franken‘ begleitet wurde Gesang angestimmt und bis tief in die Nacht gefeiert. Zum Abschluss bot das ‘Trommlerfeuer‘ in Begleitung der Muski-Kapelle „Amazing Grace“ dar; kurzer Hand hinter der BĂŒhne improvisiert einstudiert.

Erschöpft von den Strapazen der vergangenen Tage aber auch erleichtert, mit allen wohlbehalten und ohne grĂ¶ĂŸere Probleme so weit gekommen zu sein, fand ich dann noch den nötigen Schlaf, um auch fĂŒr die letzte Etappe gewappnet zu sein.

So kurz vor dem Ziel setzt man ungeahnte KrÀfte und Ausdauer frei und lÀsst sich auch nicht davon abschrecken, den lÀngsten Teilabschnitt des gesamten Zuges noch vor sich zu haben.

Bericht folgt 


 

Fotos: Âź W. Brinek | Âź O. Janning | Âź S. König

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