Der ‚Nestelbrauch’

Die ‚Nestel’ (Schnur oder Riemen, an beiden Enden mit Metallstifften versehen, um etwas zusammenzuschnüren) gehörte ursprünglich in das Rechtswesen und die Zauberei. Zentschöffen z.B. erhielten im Fränkischen ein Dutzend Nestel, um sich als für ihr Amt tauglich erscheinen zu lassen. Den Nesteln schrieb man grundsätzlich magische Kraft zu oder besser gesagt: die Knoten, die man mit den Nesteln knüpfte, konnten Segen oder Unheil stiften. Das ‚Nestelknüpfen’ hieß lateinisch daher ‚Ligatura magica’, oder man sprach auch von ‚Maleficium ligaminis’, d.h. hier wurde das Nestelknüpfen direkt als Hexenkunst und Übeltat eingestuft. Der Zaubermacht der Nesteln wurde jedoch auch Gutes zugeschrieben. Im Falle der Kaufmannszüge, sollten sie Räuber und Diebe fernhalten, die Kaufleute vor Betrug schützen und ihnen lohnende Geschäfte bringen. Abgesehen von dieser bis in graue germanische Vorzeit zurückreichenden zauberischen Bedeutung der Nestel als Amulett, Talisman oder der Abwehr von Schadenzauber, darf man auch eine ganz banale Wirkung der Nestel zuschreiben, die Förderung des ‚Wir-Gefühls’. Wer solche Nesteln nach außen sichtbar trug, der gehörte ‚dazu’, sei er nun Kaufmann, Geleitsreiter oder Beamter, der sich um das Geleit zu kümmern hatte. Die Nestel machte also aus dem bunt zusammengewürfelten Haufen eine Schicksalsgemeinschaft. In diesem Bestreben, Kooperationen zu stiften, zeigt sich ein typisch mittelalterlicher Wesenszug.

 

Die Nestel vom Kaufmannszug 2003


 

Die Nestel vom Kaufmannszug 2007

 

Die Nestel vom Kaufmannszug 2011

 

Die Nestel vom Kaufmannszug 2015

print
Versteckter Besucherzähler